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Die Herzogin von Kurland lädt den Dichter Jean Paul nach Löbichau ein, und dort isst man Mellenkäse, den er als Katzendreck bezeichnet

Eine Neuerscheinung

Francoise Aubret-Ehnert

Die Leserinnen und Leser dieser Seite kennen Ort und Schloss Löbichau durch einige Beiträge (Verweis) und natürlich dank ihrer Kenntnis der Biografien der Dorothea von Kurland, ihrer Halbschwester Elisa von der Recke und ihrer vier Töchter, im Zusammenhang mit dem Leben und Wirken Talleyrands insbesondere der Dorothée, Herzogin von Dino.

Sie wissen auch, dass das kleine Löbichau – in dem hier vorzustellenden Text wird es ein elendes Nest genannt - zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein europäischer Musenhof war. Jean Paul nennt es zwar ein « freundliches, italienisch abgedachtes Sommerschloss », und vielleicht liegt seine Freundlichkeit bei dieser Charakterisierung darin, dass  es eben für den Sommer, für die Tändeleien dieser biedermeierlichen Adelsgesellschaft wohl geeignet ist, mehr aber nicht. Was heute noch und glücklicherweise wieder zu besichtigen ist (Foto), ist ein herrschaftliches Haus, das man sich 1813 wohl fein herausgeputzt vorstellen darf (heute ist es bis zur Unkenntnlichkeit heruntergekommen), als « Schloss » an ein Rittergut angebaut. Ähnlich ist es mit dem nahe gelegenen « Schloss » Tannefeld, das zum gleichen Besitz gehört(e) ; was wir heute sehen, würden wir vielleicht als (ebenfalls fast verfallene) Villa bezeichnen (noch mit überirdischen DDR-Fernheizungsröhren ausgestattet, die wohl nicht mehr dienen ; vielleicht sollte man sie als die fast letzten unter Denkmalschutz stellen). Aber der heutige Bau ist nahezu doppelt so gross wie der damalige, denn man hat später spiegelgleich einen zweiten Flügel angebaut. Es war natürlich unmöglich, die vielen, bis zu 300 Gäste, die die Herzogin bisweilen einlud, in diesen Häuschen unterzubringen, und so campierten und speisten Goethe und zahlreiche andere im Park, samt Bedienung, in Zelten.

Wohl nicht so 1813, als die Herzogin den berühmeten Dichter Jean Paul im Sommer zu sich einlud. Er wohnte gewiss im Schloss.

Aus der Nachricht seines Verweilens dort und den spärlichen Zeugnissen in seinen « Vermischten Schriften » hat Peter Schönhoff  einen köstlichen, erstaunlichen Text von knapp fünfzehn Seiten gestaltet, der schwer einer der gängigen Textsorten zuzuordnen ist. Er ist auch eine Karikatur, ahmt er doch vortrefflich Jean Pauls verqueren Schreibstil nach, ist eine kleine, liebevoll geschriebene Farce, ein Genrestück über das Biedermeier, eine Spitzwegiade. Das ist gleichgültig, es ist dieser Text. Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825) , der schrullige Dichter aus Bayreuth, liest der Gesellschaft aus seinem Roman « Dr. Katzenbergers Badereise » vor. Wie es seine Art ist, geht angesichts eines schwarzen Käses, der gereicht wird und der den Dichter Tiedgen, Elisa von der Reckes Liebhaber, zu gewaltigen Blähungen treibt, Pegasus mit ihm durch, von Katzenberger lesend improvisiert er « Katzendreck » und besteht nun darauf, das Rezept zu erfahren. Der Pfarrer eines Nachbardorfes hat ihn geordert, und er muss nun den Hersteller, den Bauern Lippold, kommen lassen, sein Geheimnis zu lüften. Der kommt mit einem irdenen Krug, in dem es geheimnisvoll wabert. Man nimmt Mikroskope zu Hilfe um festzustellen, dass die Lohe von ekelerregenden kleinen « Spinnen » verursacht wird, die Milbe Tyroglyphus casei verdaut den gekümmelten Quark zu der «Delikatesse » Mellenkäse*.

Daran zurückdenkend, im Grase liegend, schliesst Jean Paul angesichts eines vergeblich herumkrabbelnden Käfers, sich des Makro- im Mikrokosmos erinnernd, « dass schliesslich jedes Lebewesen allein auf der Welt (ist) und nach seiner Facon selig werden (muss) ».

Der Autor hat seinem Text zehn feinstrichige, lavierte ( ?) Zeichnungen beigegeben, die die skurrille Atmosphäre dieser Gesellschaftsspiele adäquat spiegeln. (Ich kann übrigens nicht umhin, an eine andere adelige «Herrin » jener Zeit zu denken, der es nicht gegeben war, unter der Restauration ein vergleichbares Leben zu führen : im Rüschhaus oder auf der Mersburg war « Auf dem Turme » die metternichschche Unterdrückung präsent. Auch vor dieser Folie sollte das Leben in Löbichau oder Sagan/Zagan oder Rochecotte vielleicht einmal betrachtet werden.)

In der dem Schloss nahegelegenen Burg Posterstein hat Klaus Hofmann, der Leiter des dort untergebrachten Museums eine seiner sonstigen fachübergreifenden  Tätigkeit entsprechende Ausstellung organisiert : « DREI ». Textile Grafik – Handzeichnungen – Radierungen. Ursula Schönhoff, Peter Schönhoff, Andreas Schönhoff. 3. November 2002 – 5. Januar 2003 im Museum Burg Posterstein.

Dazu ist diese reizende Publikation als « Katalogbuch » erschienen : Löbichauer Sommer. Impressionen aus dem Musenhof der Herzogin von Kurland von Peter Schönhoff und Klaus Hoffmann. 32 Seiten (Burgberg 1, D-04626 Posterstein. www.burg-posterstein.de) . Er ist mit historischen Abbildungen angereichert, und Klaus Hofmann hat neben einem knappen « Nachwort zu Peter Schönhoff » mit einer tabellarischen Kurzbiografie drei Seiten zu « Jean Paul in Löbichau » beigesteuert sowie eine Beschreibung « Der Musenhof von Löbichau der Herzogin von Kurland ».

* Weiss die geschätzte Leserin, der geschätzte Leser, was Tannen »honig » ist ?                                                           RE