Biografie Charles Maurice de Talleyrand Périgord 1754-1838

Text : Pierre Combaluzier
Übersetzung : Pierre Guimbretiere

KINDHEIT

Talleyrand stammte aus einer 1613 und 1735 durch königliche Urkunden bescheinigten hochadligen Familie und behauptete, ein Nachkomme von Adalbert, Graf von Périgord, Vasall von Hugues Capet im Jahre 990, zu sein. Seine Eltern bekleideten am Hofe Ludwigs XV. wichtige Ämter

Talleyrand wurde mit einem Klumpfuss geboren und sein Schicksal wurde davon stark beeinflusst Diese Körperbehinderung war durch eine erbliche Krankheit, Marfans Syndrom genannt, verursacht und nicht durch einen Sturz, wie er es öfters behauptete.

Seine Eltern entzogen ihm deswegen das Erstgeburtsrecht. Somit verlor er den Adelstitel, den Grossteil des Vermögens und die Möglichkeit, das Familiengut seinen Kindern zu vererben. In einem Wort, er wurde herabgesetzt. Man versteht daher besser warum Talleyrand, am Todestag Mirabeaus dessen Rede über die Erbgleichheit bei direkten Erben die das Erstgeburtsrecht abschaffte, am Rednerpult der Versammlung vortrug.

TALLEYRAND UND DIE KIRCHE

Im Jahre 1769 wird er, schon mit 15 Jahren, auf das Priestertum ausgerichtet. Im folgenden Jahr besucht er Saint-Sulpice, die Ausbildungsstätte für Geistliche. Er zeigt dabei keinen besonderen Eifer sondern prahlt mit einem Verhältnis zu einer Schauspielerin der Comédie Française.

1774 erhält er immerhin die niedere Weihen .

1775 nimmt er an der Salbung von Ludwig XVI. teil, bei der sein Onkel als Weihbischof tätig ist.

1779: Es gelingt ihm, sein Theologiediplom an der Sorbonne zu erhalten und zwar mehr wegen seines Namens als auf Grund seiner Leistungen. So wird er auch im Alter von 25 Jahren als Priester geweiht.Er erhält sogleich die Pfründe der St Remyabtei in Reims

1780 wird er zum Generalvertreter der Geistlichkeit ernannt, und als Sekretär muss er 1785 die steuerliche Vorrechte der Kirche gegen die Geldforderungen Ludwigs XVI. verteidigen.

Von 1783 bis 1792 ist die Gräfin Adelaïde de Flahaut Talleyrands Geliebte. Das Paar hat ein uneheliches Kind, das 1785 geboren wird und den Namen seines offiziellen Vaters Charles trägt. Später wird dieser Charles de Flahaut Königin Hortenses Liebhaber und der Vater des Herzogs von Morny, der Halbbruder Napoleons III., werden.

DIE REVOLUTIONSJAHRE

Im Jahre 1788 wird der zur Zeit sogenannte Abt von Périgord kurz vor der Revolution auf Bitte seines sterbenden Vaters an Ludwig XVI. durch den König zum Bischof von Autun ernannt. Charles-Maurice wird gute drei Wochen in Autun bleiben, lang genug, um zum Abgeordneten der Kirche bei den Generalständen gewählt zu werden.

Am 14. Juli 1789 wird der Bischof von Autun zum Mitglied des Konstitutions-Ausschusses der Nationalversammlung ernannt, wo er eine wichtige Rolle als aktiver Antragsteller spielt. Talleyrand wird einer der Unterzeichner der Französischen Verfassung, die von der Nationalversammlung verordnet und vom König am 14. September anerkannt wird.

Am 14. Juli 1790 liest er auf dem Champs-de-Mars die Messe für die Bundesfeier zum Gedenken an den Sturm auf die Bastille.

Auch 1790 spielt unser Bischof eine bedeutende Rolle bei der Beschlagnahmung der Kirchengüter durch die Revolution. Er leistet den Eid auf die bürgerliche Verfassung der Geistlichkeit.

Obwohl er als Bischof von Autun am 13. Januar 1791 abgedankt hat, weiht er im Februar die ersten zwei Bischöfe, die die Verfassung der Geistlichkeit angenommen hatten und später die talleyrandistischen Bischöfe genannt wurden.

1792 wird der ehemalige Bischof nach London gesandt. Er soll die Ziele der französischen Politik erklären und die besorgte englische Monarchie beruhigen.

DAS EXIL

Er kehrt im Juli nach Frankreich zurück. Doch ahnt er das Kommen der Schreckenszeit, und es gelingt ihm, mit einem von Danton im September unterzeichneten Pass nach England zurück- zukehren. Kurz danach wird er vom Nationalkonvent angeklagt und ein Haftbefehl gegen ihn erteilt. Mit Hilfe des Passes von Danton wird er aber bei seiner Rückkehr behaupten können, er sei nicht ausgewandert.

1794 wird er aus England vertrieben und wandert in die USA aus, wo er als Immobilienmakler und Warenhändler in den Wäldern von Massachusetts tätig ist. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1796, die durch die Aufhebung der Anklage gegen ihn durch den Konvent ermöglicht wird, veröffentlicht er einen Essay über die "Vorteile, die aus den neuen Kolonien zu ziehen sind" im Anschluss an eine Abhandlung über die Handelsbeziehungen zwischen den USA und England.

DAS DIREKTORIUM

1797 vermittelt ihm Madame de Staël dank ihrer Beziehungen zu Barras die Ernennung zum Aussenminister des Direktoriums in der Nachfolge von Charles Delacroix. Ist unser ehemaliger Bischof Madame Delacroixs Liebhaber und der Vater des berühmten Maler Eugène Delacroix gewesen? Manche Historiker bestreiten diese Vaterschaft, andere unterstützen sie aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit.

Talleyrand trifft Bonaparte, der siegreich aus dem Italienfeldzug zurückgekehrt ist und macht ihn bei einem Empfang im Hôtel de Gallifet, Sitz des Ministeriums, öffentlich bekannt; dies bedeutet für das Direktorium den Anfang des Sturzes. Im Juli 1799 tritt Talleyrand von seinem Posten im Ministerium zurück.

DER AUFTRIEB NAPOLEONS UND DAS KONSULAT

Talleyrand hat nach dem misslungenen ägyptischen Feldzug, für den er mitverantwortlich war, einen grossen Einfluss auf das Gelingen des Staatsstreichs vom 9. November 1799. Er lässt Barras von seinem Direktorposten abdanken und behält die drei Millionen Pfund, die Barras zugedacht waren, um ihn dazu zu bringen, die Macht ohne Widerstand zu verlassen. So kommt Charles-Maurice an seine Stelle als Aussenminister zurück.

Bonaparte leitet jetzt als Erster Konsul die französische Aussenpolitik und lässt Talleyrand wenig Handlungsfreiheit. Der Vertrag von Mortefontaine, die Verhandlungen (1800) und der Vertrag von Lunéville (1801) werden ohne Talleyrands Mitwirken abgeschlossen. Vom Ersten Konsul verblendet, lässt Talleyrand diesen handeln und befürwortet sogar sehr schmeichlerisch offenbare Fehler.

Was Talleyrands Privatleben betrifft, so zeigt sich ab 1801 Madame Grand, geb. Worlée, an seiner Seite. Sie wird im Jahr darauf Madame de Talleyrand-Périgord nachdem der ehemalige Bischof inzwischen vom Papst ein Verweltlichungsbreve erhalten hat. Charles-Maurice kennt diese schöne, in Indien geborene Französin seit 1798. Diese Eheschliessung ist für die Historiker, die der schönen Catherine gegenüber sehr negativ eingestellt sind, ein Rätsel: Warum heiratet Talleyrand obschon der Befehl des Ersten Konsuls, ihm die Wahl lässt zwischen sie zu heiraten oder sie zu verlassen?

1803 sieht man an Talleyrands Seite ein von unbekannten Eltern geborenes 5-jähriges Mädchen namens Charlotte auftauchen. Talleyrand liebt das Mädchen sehr, gibt ihm die beste Erziehung und eine Mitgift, die dem Mädchen zu einer guten Ehe verhilft. Charlotte ist vielleicht eine Tochter, die während Talleyrands ununterbrochener Beziehung zu seiner Frau geboren wurde und die er damals nicht anerkennen dürfte. Möglich ist, dass Charlotte einer der Gründe der Eheschliessung war.

Ebenfalls im Jahre 1803 kauft Talleyrand auf Befehl des Ersten Konsuls und mit seiner finanziellen Hilfe das Schloss von Valençay, einen der grössten Privatbesitze Frankreichs (12000 Hektar Grund). Ab 1803 begibt er sich regelmässig nach Valençay, entweder vor oder nach seinen Thermalkuren in Bourbon-l'Archambault. Talleyrand kümmerte sich bis zu seinem Tode im Jahre 1838 um den Grundbesitz und die Gemeinde, die sich durch sein Wirken stark entwickelte.

DIE AFFÄRE DES HERZOGS VON ENGHIEN

Wir sind im Jahre 1804. Am 9. März wird Cadoudal, der Führer der Chouans in Paris festgenommen. Die Anschläge gegen die Monarchie werden immer zahlreicher.

In der Nacht vom 14. zum 15. März wird der Herzog von Enghien, der Enkel des Fürsten von Condé, in Ettenheim im Badischen Lande festgenommen. Er wird zunächst nach Strassburg und dann nach Paris gebracht. Am 20. März wird er zum Tode verurteilt und von Savary im Graben von Vincennes erschossen. Diese Entführung aus dem Ausland und dieser Mord sind Talleyrand zu verdanken. da er sie anstiftete, wenn auch die Befehle von Napoleon erteilt wurden.

Wie Jean Orieux schreibt, so wollte der ehemalige Bischof von Autun "einen Blutfluss zwischen den Bourbonen und Napoleon fliessen lassen", um eine Annäherung zwischen dem Ersten Konsul und dem zukünftigen Ludwig XVIII. zu vermeiden. Eine solche Annäherung hätte ihm nämlich sehr geschadet. Talleyrand hat also aus persönlichem Interesse seine Hände mit dem Blut der Condés befleckt. Es war der grösste Fehler seiner gesamten Karriere. Wenn man Talleyrand etwas vorwerfen möchte, so sind es weniger seine Treuebrüche und seine Beziehungen zu Geld und Frauen als seine Rolle in dem Mord an dem Herzog von Enghien.

DAS EMPIRE

Am 11. Juli 1804 wird Talleyrand zum Oberkammerherr ernannt.

Am 2.12. 1804, einige Monate nach der Bekanntmachung der Verfassung des Jahres XII, die das Empire gründet, nimmt Talleyrand an Napoleons Salbung teil.

1805 ist Talleyrand besonders hoch bei Napoleon angeschrieben; er erntet dabei die Früchte seiner eigenen Unterwerfung, aber der Krieg mit Österreich und England bricht wieder aus. Dem triumphalen Sieg in Ulm folgt zwei Tage später die vernichtende Niederlage von Trafalgar, die jedoch am 2. Dezember in Austerlitz ausgeglichen wird. Charles-Maurice sucht die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens mit Österreich und Russland, doch der Kaiser hört nicht auf ihn. Widerwillig unterzeichnet Talleyrand den Vertrag von Pressburg.

1806 erhält Charles-Maurice den Titel des Prinzen von Bénévent, ein kleines Fürstentum, das dem Papst weggenommen wurde. Am 12. Juli unterzeichnet der Prinz von Bénévent in Paris den Vertrag zur Gründung des Rheinbundes. Talleyrand leistet Napoleon immer häufiger Widerstand. Seine Freundschaft mit Dalberg, einem bekannten Spion, erlaubt ihm, wichtige Auskünfte an den russischen Zar Alexander I .weiterzuleiten. Der Prinz ist gegen den neuen Krieg gegen Preussen eingestellt, doch nimmt er Napoleon gegenüber weiterhin eine schmeichlerische Haltung ein. Seit Pressburg zeigt Talleyrand zwei Gesichter.

Nach der Schlacht bei Jena und der Eroberung Berlins verhängt Napoleon die Kontinentalsperre. Diese Sperre macht Europa ärmer und stürzt später auch aussenstehende Länder wie Spanien in den Krieg. Der Spanienkrieg "ist der Anfang vom Ende".

DER BRUCH

1807: Der Prinz von Bénévent, der seit Dezember in Warschau wohnt, unterzeichnet in Tilsitt nach der Eroberung von Warschau und der blutigen Schlacht von Eylau den Vertrag mit Russland und Preussen. Im Juli verlässt Napoleon Tilsitt und kehrt aus Sorge um Spanien nach Frankreich zurück. Der Prinz von Bénévent folgt ihm und macht in Dresden bei dem König von Sachsen Friedrich-Augustus Halt. Wahrscheinlich hat er sich dort entschieden, sein Amt als Aussenminister niederzulegen. Emile Dard schreibt dazu:"Man kann ihm nicht vorwerfen, den Kaiser während seines Abgangs verlassen zu haben; er hat sich während seiner Glanzzeit von ihm getrennt". Charles-Maurice weiss, dass er auf Napoleon keinen Einfluss mehr hat; dieser wird Frankreich in eine zum Scheitern verurteilte militärische Diktatur führen. Er lässt sich zum Vize-Kurfürsten ernennen und rechtfertigt damit seine Trennung vom Ministerium; mit dem diese neue Tätigkeit unvereinbar war.

DIE SPANIEN-AFFÄRE UND DIE SPANISCHEN PRINZEN IN VALENCAY

1808 marschieren die französischen Truppen in Spanien ein und besetzen das Land unter schwierigen Bedingungen. Joseph Bonaparte besteigt den spanischen Thron. Seit der Gefangennahme der spanischen Prinzen in Bayonne durch eine List Napoleons wütet in Spanien die Guerilla. Napoleon ordnet auf eine nicht sehr feine Art die Unterbringung der spanischen Prinzen im Schloss von Valençay an; Talleyrand wird mit ihrer Bewachung beauftragt. Charles-Maurice akzeptiert, ohne seine Meinung zu äussern, doch beginnt er sich gegen Napoleon aufzulehnen. Der Prinz von Bénévent verlässt Valençay und begibt sich nach Erfurt; er wird erst 1816 sein Schloss wiedersehen. In dieser Zeit werden viele Ereignisse die Welt verändert haben.

DER FÜRSTENTAG ZU ERFURT

Am 27.9 1808 wird der Fürstentag zu Erfurt mit der Begegnung zwischen Napoleon und Alexander I. eröffnet. Der Kaiser möchte eine Annäherung Russlands an Österreich verhindern, indem er den Tilsitter Vertrag erneuert. Der spanische Krieg beschäftigt ihn sehr, und er kann keine Koalition zwischen Österreich und Russland, d.h. den Anfang einer zweiten Kriegsfront, gebrauchen. Franz II., Kaiser von Österreich, hat keine guten Beziehungen zu Frankreich. Napoleons Plan ist daher eine Allianz mit Russland, um sich Österreich zu teilen. Der Korse gibt Talleyrand den Auftrag, den Zar durch zahlreiche Gespräche für sich zu gewinnen. Aber der Prinz von Bénévent ist für Österreich eingestellt und macht alles, um Alexander I. und Franz II. zusammenzubringen, was ihm auch gelingt.

Für Napolon war der Fürstentag zu Erfurt ein Misserfolg. Wegen Talleyrand machte ihm der Zar keine Zugeständnisse. Am 14. Oktober 1808 ging die Konferenz zu Ende; ganz Europa erkannte in Talleyrand einen Freund, und dies im engsten Kreise Napoleons. So begann das unabwendbare Ende des Empires.

DIE SZENE VOM 28. JANUAR 1809

Nach seiner Rückkehr aus Erfurt trifft Talleyrand mehrmals den Polizeiminister Fouché. Die zwei Männer hassen sich. Der Prinz von Bénévent kann diesen ehemaligen Priester, Königsmörder und Anstifter des Blutbades von Lyon nicht ertragen. Sie sind sich in ihrer Denk-und Handlungsweise völlig entgegengesetzt eingestellt. Sie kommen aus verschiedenen Welten, aber sie werden sich durch die Ereignisse näher kommen. Sie werden sogar ein Attentat auf Napoleon in Erwägung ziehen.

Am 20. Dezember 1808 gibt Talleyrand einen grossen Empfang. Fouché ist der Ehrengast. Ganz Europa begreift, dass sich die zwei Männner gegen den Kaiser verbinden. Darüber informiert, kehrt Napoleon aus Spanien zurück und beruft am 28. Januar 1809 am frühen Morgen einen engsten Rat ein. Talleyrand nimmt daran teil.

Napoleon klagt Talleyrand wegen Verrats an und beleidigt ihn zutiefst. Es sind die berühmtenWorte: "Sie sind Sch... in einem Seidenstrumpf". Er enthebt ihn seines Amtes als Oberkammerherr und Talleyrand verliert damit das Vorrecht, das Arbeitszimmer des Kaisers jederzeit betreten zu dürfen.

Von jetzt an steht Talleyrand öffentlich in Österreichs Diensten.

TALLEYRAND WARTET AUF SEINE STUNDE

1810 wird Joséphine de Beauharnais verstossen, weil sie keine Kinder mehr bekommen kann. Der Prinz von Bénévent genehmigt Napoleons Ehe mit der Erzherzogin Marie-Louise von Österreich, gewinnt aber dadurch nicht die Gunst Napoleons. Talleyrand wird mit grossen finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert und bittet Alexander I. um Hilfe, die dieser ihm verweigert. Charles-Maurice muss seine Bibliothek verkaufen.

Die Zeit vergeht. Das Verhalten des Kaisers schwankt zwischen Beleidigungen und Annäherungs-versuchen.

1812 ist das Jahr des Russlandfeldzuges, der mit dem unglücklichen Rückzug endet.

1813: Ende des Spanischen Krieges. Durch den Vertrag von Valençay am 11. Dezember 1813 erlangen die Prinzen von Spanien die Freiheit zurück. Talleyrand weigert sich, die Leitung des Aussenministeriums wieder zu übernehmen.

Dieses Angebot Napoleons zeigt die Hochachtung und die Anerkennung für die diplomatischen Fähigkeiten Talleyrands trotz dessen "verräterischen Verhaltens".

1814 - DAS JAHR DES ENDES

Am 10. Januaur 1814 fährt Napoleon den Prinzen von Bénévent hart an und wirft ihm seine Gespräche vor, die er in den Salons führt. Trotdem gibt ihm der Kaiser die Vollmacht, mit den Verbündeten zu verhandeln. Charles-Maurice kommt den Bourbonen näher und wird der Berater des zukünftigen Königs Ludwig XVIII. .

Im März 1814 stehen die Feinde vor den Toren von Paris; am 29.3. verlassen die Kaiserin und ihr Sohn, der König von Rom, die Hauptstadt. Am 31.3. ziehen die Verbündeten ein. Talleyrand empfängt den Zar Alexander I. in seinem Palais in der Rue Saint Florentin und lässt Ludwig XVIII. auf den Thron steigen.

TALLEYRAND REGIERT TROTZ LUDWIGS XVIII.

Am 1. April 1814 wird der Prinz von Bénévent vom Senat zum Präsidenten der provisorischen Regierung ernannt. Am 10. April verfasst er die Charte Constitutionnelle, die vom König nur zögernd angenommen wird. Charles-Maurice trifft Ludwig XVIII. bei seiner Rückkehr aus Gent. Der Kontakt ist ziemlich kühl; die Umgebung des Königs ist dem ehemaligen Bischof gegenüber sehr feindselig eingestellt.

Am 23. April wird ein Waffenstillstandsvertrag zwischen Frankreich und den Alliierten unterzeichnet. Das Land findet sich in seinen Grenzen von 1792 wieder. Am 13. Mai wird Talleyrand zum dritten Male seit der Revolution Aussenminister.

Am 30. Mai beendet der Pariser Vertrag offiziell den Krieg. Zwei Monate später sollen in Wien die Verhandlungen zum Wiederaufbau Europas auf den Trümmern des Kaiserreiches beginnen.

Am 4. Juni erhält Charles-Maurice den Titel des Prinzen von Talleyrand und wird zum Pair de France ernannt.

TALLEYRAND RETTET FRANKREICH BEIM WIENER KONGRESS

Der Prinz von Talleyrand begibt sich am 16. September 1814 nach Wien. Frankreichs Position ist sehr heikel. Es wird nicht am Verhandlungstisch akzeptiert. Dank seiner Gewandheit wird Talleyrand doch zugelassen. In Wien wird er von Dorothéé von Courlande, der Gemahlin seines Neffen Edmond von Périgord begleitet. Dorothée wird beim Prinzen als Hausherrin bis zu seinem Tode verweilen. Später wird Dorothée eine Tochter namens Pauline bekommen; Talleyrand wird sie als seine Tochter betrachten. Manche behaupten sogar, er sei ihr Vater gewesen, jedoch gibt es dafür keine Beweise.

Preussen und Russland wollen Sachsen anschliessen und Polen zerstückeln, und dabei den Kräfteausgleich in Europa verändern. Dieser Plan wird aufgegeben, da sich Metternich und Charles-Maurice dagegen wehren. Dank Talleyrands Bemühungen unterzeichnen England, Frankreich und Österreich unter dem Siegel der Verschwiegenheit am 3. Januar 1815 ein Allianzbündnis gegen Preussen und Russland. Doch lässt London die Annexion der Rheinprovinz durch Preussen zu, so dass die Preussen nur noch 220 km von Paris entfernt sind.

Am 26. Februar 1815 verlässt Napoleon die Insel Elba auf der "Inconstant" mit 900 Mann an Bord Richtung Frankreich. Diese "Flucht" findet mit der wahrscheinlichen, aber nicht bewiesenen Mitschuld Englands statt. Am 4. Juni wird das Fürstentum Bénévent dem Papst zurückerstattet.

Am 8. Juni unterzeichnet Talleyrand den letzten Vertrag des Wiener Kongresses. Am 18. Juni findet die Schlacht von Waterloo statt; dies bedeutet das Ende der Herrschaft der Hundert Tage.

DIE ZWEITE RESTAURATION

Napoleon verlässt Paris am 29. Juni; die Bevölkerung ist wütend. Aufstände und ein Bürgerkrieg können jederzeit ausbrechen.

Am 9. Juli wird der Prinz von Talleyrand Präsident des Ministerrates und Auslandsminister. Fouché wird Polizeiminister, um die Ordnung in Paris zu bewahren. Aber die Lage in Frankreich verschlechtert sich; die Ultraroyalisten lassen den "Weissen Terror" wüten, in der Provinz üben die Besatzungstruppen zahlreiche Erpressungen aus. Das Talleyrand-Ministerium greift kaum ein. Die Alliierten verlangen sehr viel. Frankreich soll dafür büssen, dass es Napoleon während der Hundert Tage unterstützt hat. Am 24. September weigert sich Talleyrand machtlos, auf der von den Alliierten vorgeschriebenen Basis zu verhandeln. Ludwig XVIII. zwingt ihn zur Abdankung und ernennt ihn zum Oberkammerherrn. So unterschreibt er den zweiten Pariser Vertrag nicht.

DER POLITISCHE RÜCKTRITT DES PRINZEN VON TALLEYRAND

Der Herzog von Richelieu ersetzt Talleyrand als Präsident des Ministerrates.

Verbittert hält Charles-Maurice mehrere Reden im Oberhaus, um die Regierung zu kritisieren. Als Oberkammerherr wohnt er der Hochzeit des Herzogs von Berry bei, dem zweiten Thronfolger Frankreichs, der einige Jahre später ermordet wird.

1816 trennt sich Talleyrand von seiner Frau und verbannt sie provisorisch nach London. Er redet Richelieu fortwährend Übles nach, insbesondere auf einem Emfang bei der englischen Botschaft, so dass ihm Ludwig XVIII. den Zutritt zu den Tuilerien für eine längere Zeit verbietet.

Am 31. August 1817 wird Talleyrand zum Herzog ernannt und am 2. Dezmber verleiht ihm der König Ferdinand von Italien den Herzogtitel von Dino, der seinem Neffen Edmond sofort übertragen werden kann; Dorothée wird somit Herzogin von Dino und geht unter diesem Namen in die Geschichte ein.

Die Jahre vergehen. Bei jedem Regierungswechsel hofft Talleyrand vergebens die Gunst der neuen Regierung zu gewinnen. Der ultraroyalistische Hof will jedoch nichts von ihm wissen.

Am 24. Juli 1821 lobt Talleyrand die Pressefreiheit am Rednerpult der Oberkammer und erhebt sich gegen die Zensur.

1823 veröffentlicht Savary, Herzog von Rovigo und Polizeiminister unter Napoleon, eine Broschüre, in der er Talleyrand mit in den Mord an dem Herzog von Enghien verwickelt. Doch greift Ludwig XVIII. ein, und Talleyrand bleibt somit unbehelligt.

Im September 1824 stirbt Ludwig XVIII. . Charles X. tritt an seine Stelle und wird am 29. Mai 1825 in Reims geweiht. Talleyrands Lage verbessert sich nicht dadurch. Er hält sich immer häufiger in Valençay und Bourbon-l'Archambault auf. Es treten zahlreiche Todesfälle in seiner engsten Umgebung auf.

Charles X. wird von den Ultraroyalisyten beherrscht. Das Villèle-Ministerium weitet die reaktionären Massnahmen aus: Kirchenraubgesetze, die Milliarde der Auswanderer, der Versuch der Wiedereinführung des Erstgeburtsrechts. Das Martignac-Ministerium versucht eine liberalere Politik, wird aber durch das Polignac-Ministerium ersetzt. Dies ist ein Sieg für die Ultraroyalisten. Die Regierung ist sehr unbeliebt.

DIE JULI-REVOLUTION (1830)

Die Liberalen wenden sich an den Herzog von Orleans. Von Polignac schlecht beraten, begeht Charles X. einen Fehler, indem er die vier königliche Ordonnanzen verkündet, die den Aufstand vom 27., 28., und 29. Juli verursachen werden. Es sind die "Trois Glorieuses" (die drei glorreichen Tage der Revolution). Paris lehnt sich auf. Die Aufrührer gewinnen die Oberhand. Charles X. flüchtet nach England. Louis-Philippe ergreift die Macht am Balkon des Rathauses und schwingt die Trikolore unter den Beifallsrufen des Volkes. So wird er zum "König der Franzosen" und erlässt eine liberalere Verfassung .

DER PRINZ VON TALLEYRAND TRITT WIEDER AN DIE ÖFFENTLICHKEIT UND KEHRT NACH LONDON ZURÜCK

Der Aufstand in den Pariser Strassen ruft in den europäischen Hauptstädten schlechte Erinnerungen wach; sie sehen es nicht gern, dass die Liberalen die Macht durch die Waffen ergreifen. Der 76-jährige Prinz von Talleyrand wird klugerweise von Louis-Philippe dazu bewegt, den Posten als Botschafter in London anzunehmen. Diese Ernennung beschwichtigt die Hauptstädte über die französische Absichten im Unabhängigkeitskrieg den die Belgier gerade gegen die Holländer liefern.

Am 25. September 1830 fährt der Prinz von Talleyrand nach London, wo er am englischen Hof herzlich empfangen wird.

TALLEYRAND UND DIE UNABHÄNGIGKEIT BELGIENS

Seit dem Wiener Kongress befindet sich Belgien unter holländischer Herrschaft. Die Unabhängigkeit Belgiens zerstörte das beim Wiener Kongress von 1815 gefundene Gleichgewicht und beunruhigte Preussen und England, die einen Anschluss Belgiens an Frankreich befürchteten, welcher von einem Teil der Belgier gewünscht wird.

Talleyrand überzeugte Wellington von der Nichteinmischung Frankreichs. Zusammen beriefen sie die Londoner Konferenz zur Lösung des belgischen Problems ein. Die Konferenz wurde am 4. November 1830 mit der Beendung der Feindseligkeiten zwischen der holländischen Armee und den Aufrührern eröffnet. Damit wurde Belgien als unabhängiger Staat anerkannt.

Der Prinz Leopold von Sachsen-Coburg wurde am 4. Juni 1831 vom Kongress zum König der Belgier gewählt. Nach einigen Schwierigkeiten wurde der Vertrag über die Unabhängigkeit am 15. November unterzeichnet. Der König von Holland Wilhelm I. verliess Antwerpen am 23. Dezember 1832.

Talleyrand arbeitete an der Annäherung Frankreichs an England bis zum Ende seiner Botschaft im August 1834. Er unterschrieb am 22. April 1834 den Vertrag über die Quadrupelallianz zwischen Spanien, Portugal, England und Frankreich.

TALLEYRAND VERLÄSST FÜR IMMER DIE POLITISCHE SZENE

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich wird Talleyrand von den Legitimisten und Republikanern heftig kritisiert, obwohl er in London vier Jahre lang durch sein Wirken Frankreichs Position gestärkt hatte, indem er Englands Unterstützung bekommen und die Heilige Allianz zwischen Preussen, Österreich und Russland geschwächt hatte. Er behält Louis-Pihilippes Vertrauen.

Die letzte jahre seines Lebens verbringt Talleyrand in Begleitung der Herzogin von Dino hauptsächlich inValençay. mit den 10000 Büchern seiner Bibliothek obschon er jeden Winter in sein Palais der Rue Saint-Florentin zurückkehrt. Er vollendet seine Memoiren. -

Die Prinzessin von Talleyrand stirbt am 10. 12. 1835 in Paris. Talleyrand ist nicht mehr verheiratet.

DIE WANDLUNG UND DER TOD DES PRINZEN VON TALLEYRAND

1837 verfasst Talleyrand ein neues Testament und verlässt Valençay zum letzten Mal.

Am 3. März 1838 hat er seinen letzten öffentlichen Auftritt im königlichen Institut von Frankreich, wo er eine Lobrede für den Grafen von Reinhard hält.

Für Charles-Maurice geht es darum, sein langes Leben in allen Ehren zu beenden. Er muss jedenfalls noch eine Auseinandersetzung mit der Kirche regeln. Für Rom ist er Bischof, und wenn er keine öffentliche Abbitte tut, wird er nicht religiös bestattet werden können.

Seine Nichte Dorothée setzt, zusammen mit Monseigneur de Quélen und dem Abt Dupanloup, alles in Gange, um von dem Prinzen von Talleyrand einen öffentlichen Widerrufungsbrief zu erhalten, in welchem er seine vergangenen Irrtümer anerkennt. Er verbringt die letzten zwei Monate seines Lebens mit der Verfassung dieses Briefes, dem letzten Akt in Talleyrands Leben.

Am 17. Mai kämpt er mit dem Tode. Um sechs Uhr früh unterschreibt er endlich seinen Brief sowie einen Brief an den Papst Gregor XVI. . Um acht Uhr besucht ihn Louis-Philippe, von seiner Schwester Madame Adélaïde begleitet, um von ihm Abschied zu nehmen. Der König wusste, dass er seinen Thron Talleyrand verdankte und erwies ihm auf diese Weise die grösste Ehre. Kurz vor Mittag nimmt ihm der Abt Dupanloup die Beichte ab. Talleyrand stirbt am gleichen Tag um 15:35 Uhr.

Am 22. Mai findet das offizielle und religiöse Begräbnis statt. Er wird am 5. September in Valençay in einer Kapelle in der Nähe des Schlosses begraben.

SCHLUSSFOLGERUNG

So endet das Leben des berühmtesten französischen Diplomaten. Dieser Mann, der fortwährend gehasst und und kritisiert wurde, vebrachte sein Leben im Dienste Frankreichs. Er liebte dieses Land und verteidigte es mit all seinen Kräften in der trübsten Zeit seiner Geschichte. Er war ein Europäer der seiner Zeit weit voraus war . Er wollte den Handel, den Frieden und die Ausbildung entwickeln. Obwohl er den Sitten des Ancien Régimes treu verbunden war, blickte Charles-Maurice de Talleyrand als moderner Mensch immer in die Zukunft. Und dies ist der Geringste seiner Widersprüche

Diese kurze Biografie hat dem Werk TALLEYRAND von Jean ORIEUX - Flammion - 1970 viel zu verdanken. Ich empfehle dessen Lektüre.

Ich bedanke mich bei Herrn André BEAU und Herrn Philippe MAILLARD für ihre wertvollen Ratschläge.